Zollpolitik der US-Regierung und Auswirkungen auf Finanzmärkte und Kundenportfolios

Kurzfristig erhöhen sich die Risiken für Anlegerinnen und Anleger – undurchsichtige globale Lieferketten dürfen nicht unterschätzt werden.

3. April 2025

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«Die neuen Zölle basieren auf einer fragwürdigen Berechnungsmethode.»

Am 2. April 2025 kündigte Präsident Donald Trump mit viel Brimborium anlässlich des «Liberation Day» eine umfassende neue Zollpolitik an. Neu gilt ein pauschaler Zollsatz von 10% auf die meisten in die USA importierten Güter und Dienstleistungen. Zusätzlich werden bestimmte Handelspartner mit «reziproken» Zöllen belegt, die sich nach dem Handelsdefizit der USA mit diesen Ländern richten. Besonders betroffen sind China (54% Zölle), Vietnam (46%), die Schweiz (31%) Japan (24%) sowie die EU (20%). Zudem treten die bereits angekündigten 25% Zölle auf Automobilimporte in Kraft.

Von diesen Massnahmen vorerst ausgenommen sind Medikamente, Halbleiter sowie Automobilzulieferer – diese Sektoren sollen zu einem späteren Zeitpunkt spezifisch besteuert werden. Auch die Schweiz ist von den Strafzöllen heftig betroffen. Die auf Schweizer Importe anfallenden Gebühren betragen gemäss Angaben der US-Regierung verhältnismässig hohe 31%.

Die neuen Zölle basieren allerdings auf einer fragwürdigen Berechnungsmethode. Die US-Regierung setzt beispielsweise den Handelsbilanz-Überschuss der Schweiz ins Verhältnis zu den gesamten Schweizer Exporten und leitet daraus eine angebliche Zollbelastung von 61% ab – eine Rechnung, die in keiner etablierten Handelslogik Bestand hat.

Bestrafung von Ländern mit Überschüssen im Güterhandel

Diese Methode wurde auch auf andere Länder angewendet, wobei der Dienstleistungssektor – in dem die USA gegenüber der Schweiz einen Überschuss haben – irrtierenderweise vollständig ignoriert wird. Kritiker sehen darin eine willkürliche Bestrafung von Ländern mit Überschüssen im Güterhandel gegenüber den USA. Die Basiszölle von 10% treten am 5. April in Kraft, die höheren Sätze folgen am 9. April.

Diese Massahmen übertrafen die Markterwartungen sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Höhe. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob und in welchem Masse diese Zölle tatsächlich zur Geltung kommen. Historisch gesehen hat die US-Regierung unter Präsident Trump in der Vergangenheit Bereitschaft zu Verhandlungen und Zugeständnissen gezeigt. Es besteht daher die Möglichkeit, dass auch die aktuellen Zölle Gegenstand zukünftiger Verhandlungen sein könnten, was potenziell zu Anpassungen oder Aufhebungen führen könnte.

Es ist davon auszugehen, dass betroffene Handelspartner der USA Gegenmassnahmen ergreifen werden, was die Gefahr eines eskalierenden Handelskonflikts birgt. Die Europäische Union, China und weitere Staaten haben bereits Vergeltungsmassnahmen angekündigt. Diplomatische Verhandlungen werden entscheidend sein, um mögliche Lösungen zu finden und weitere Eskalationen zu vermeiden.

Unmittelbare Auswirkungen auf Konsumenten und Unternehmen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich: Das globale Wachstum könnte um mindestens 0,5 Prozentpunkte sinken, während die US-Wirtschaft besonders stark betroffen ist. So steigen für US-Konsumenten die durchschnittlichen Zölle auf importierte Waren und Dienstleistungen auf einen Schlag von rund 2,5% auf 24%. In der Folge könnte dies die Inflation ankurbeln und die Kaufkraft der Verbraucher, insbesondere in den USA, beeinträchtigen.

Langfristig könnten die Zölle nicht nur Handel und Wachstum dämpfen, sondern auch Unsicherheiten in der Weltwirtschaft verstärken. Besonders kritisch ist, dass die globale Rolle des US-Dollars aufgrund der protektionistischen Politik geschwächt werden könnte. Die genauen Auswirkungen sind jedoch schwer abzuschätzen, da viele Faktoren – insbesondere mögliche Vergeltungsmassnahmen anderer Länder – noch ungewiss sind.

Unternehmen stehen vor der Herausforderung, steigende Kosten entlang der Lieferketten zu bewältigen, was zu Anpassungen in der Beschaffung und Produktion führen kann. Einige Firmen erwägen bereits Massnahmen wie das Reduzieren von Verpackungsgrössen oder das Anbieten von Produkten ohne Batterien, um Kosten zu senken und Preiserhöhungen für Kunden zu vermeiden.

Die USA sind für die Schweiz ein bedeutender Handelspartner, und zahlreiche Schweizer Grossunternehmen unterhalten umfangreiche Geschäftsaktivitäten in den Vereinigten Staaten. So produziert beispielsweise Nestlé rund 95% der in den USA verkauften Produkte lokal. Daher dürften die neuen Zölle nur geringe direkte Auswirkungen auf Nestlés Geschäftsmodell haben. Die Pharmabranche, rund um Novartis und Roche, könnte jedoch stärker betroffen sein. Beide Unternehmen exportieren einen erheblichen Teil ihrer Produkte in die USA.

Während spezifische Zölle auf pharmazeutische Produkte noch nicht detailliert bekannt sind, könnten erhöhte Handelsbarrieren die Exportkosten steigern und die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Zudem könnten Bestrebungen der US-Regierung, Medikamentenpreise zu senken, zusätzlichen Druck auf die Margen ausüben. Auch die kleinen und mittleren Unternehmen, dürften von der Zollpolitik betroffen sein. Es ist daher für Schweizer Unternehmen essenziell, die Entwicklungen genau zu beobachten und gegebenenfalls strategische Anpassungen vorzunehmen, um den neuen Handelsbedingungen Rechnung zu tragen.

Ausblick für Kundenportfolios

Die Finanzmärkte reagierten weitestgehend negativ auf die Ankündigung der Zölle, mit teilweise deutlichen Abschlägen bei den grossen Leitindizes. Dennoch blieben die Reaktionen insgesamt relativ moderat, was darauf hindeutet, dass Investoren die langfristigen Auswirkungen noch abwägen.

Unternehmen mit komplexen Lieferketten, insbesondere auch im Technologiesektor, könnten aufgrund ihrer globalen Lieferketten besonders betroffen sein. Die Auswirkungen auf globale Lieferketten sind oft undurchsichtig und nicht zu unterschätzen. Unternehmen könnten gezwungen sein, ihre Produktionsstandorte zu verlagern oder alternative Beschaffungsstrategien zu entwickeln, um den erhöhten Kosten entgegenzuwirken. Dies könnte kurzfristig zu Störungen führen, während langfristige Anpassungen erforderlich sind, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Trotz der aktuellen Unsicherheiten können wir für unsere Kunden vorerst Entwarnung geben. Die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Indikatoren, wie ein robuster Arbeitsmarkt und stabile finanzielle Situation der Unternehmen sowie privaten Haushalte, deuten nicht auf eine unmittelbar bevorstehende Rezession hin. Unsere Anlagelösungen sind breit diversifiziert, was dazu beiträgt, Risiken zu minimieren.

Obwohl die Unsicherheit kurzfristig erhöht bleibt, gehen wir mittel- bis langfristig von solidem Wachstum aus. Den grössten konjunkturellen Herausforderungen sehen sich aktuell irritierenderweise die USA gegenüber, besteht doch die Gefahr einer Stagflation mit den unerfreulichen Folgen einer stagnierenden Wirtschaft, einem schwächeren USD und deutlich steigenden USD-Zinsen.

Es ist also ratsam, die Entwicklungen genau zu beobachten, um sich den aktuell schnell verändernden Marktbedingungen Rechnung zu tragen.

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